Studiendaten Rimini et al. 2022

Rimini et al. 2022: LENVIMA® vs. Atezolizumab + Bevacizumab

In dieser retrospektiven Analyse (keine Goldstandard-Studie) mit Daten von Patienten mit nicht-viralem, fortgeschrittenem hepatozellulärem Karzinom (HCC)a wurden auf Basis von Real-World-Daten die Behandlungsergebnisse einer Erstlinientherapie mit LENVIMA® (Lenvatinib) mit denen von Atezolizumab plus Bevacizumab verglichen.1

Dafür wurden u. a. Daten zum Gesamtüberleben (OS) sowie zur Verträglichkeit erhoben und ausgewertet.1

a BCLC-C oder BCLC-B wurden als nicht geeignet für lokoregionäre Therapien betrachtet.

Real-World-Daten von LENVIMA® auf einen Blick

  • Erstmals deuteten Ergebnisse aus einer Real-World-Analyse (von Rimini et al. 2022) an, dass die Behandlung mit LENVIMA® im Vergleich zu Atezolizumab plus Bevacizumab bei Patienten mit nicht-viralem HCC nach multivariaten und Propensity-Score-Matching-Analysen mit einem signifikant längeren OS verbunden war, insbesondere bei NAFLD/NASH-bedingtem HCC.1
  • Die retrospektive Real-World-Analyse von Rimini et al. 2022 ist die bisher größte retrospektive Real-World-Analyse, welche diesen Zusammenhang untersuchte. Hier wurden die Daten von 759 Patienten aus 36 Zentren in 4 Ländern analysiert. Von diesen erhielten 569 Patienten LENVIMA® und 190 Patienten Atezolizumab plus Bevacizumab als Erstlinientherapie.1
  • UE-Raten lagen für Ereignisse jeglichen Grades zwischen den beiden Gruppen in einem relativ ähnlichen Bereich (LENVIMA®: 77,5 %; Atezo-Bev: 70,5 %). Bei der Rate der Ereignisse von Grad 2 oder höher zeigte sich ein Unterschied zugunsten von Atezo-Bev.1
  • Daten zur Rolle der NASH bei HCC-Patienten sind rar. In einer retrospektiven Real-World-Analyse von Burgio et al. deuteten sich Überlebensvorteile (OS und PFS) für diese Patientengruppe durch die Erstlinienbehandlung mit LENVIMA® gegenüber Sorafenib an.2 Rimini et al. 2021 haben diese Zusammenhänge ebenfalls im retrospektiven Setting näher untersucht.3 Die bereits oben genannte Analyse von Rimini et al. legte 2022 bei der Untersuchung den Fokus auf den Vergleich zwischen Immuntherapie vs. Multikinase-Inhibitoren (wie LENVIMA®).1
  • Da es sich um Real-World-Daten handelt, sollten die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden; sie lassen keine Schlussfolgerungen für klinische Entscheidungen zu.

In der retrospektiven Studie von Rimini et al. 2022 wurden Real-World-Daten von 759 Patienten aus 36 Zentren in 4 Ländern (Italien, Japan, Republik Korea, UK) ausgewertet:

  • Die Gesamtkohorte umfasste 759 Patienten mit fortgeschrittenem HCC (BCLC-C) oder Intermediate-Stage-HCC (BCLC-B), die für lokoregionale Therapien nicht in Frage kamen:
    • 569 Patienten in Erstlinientherapie mit LENVIMA®
    • 190 Patienten in Erstlinientherapie mit Atezolizumab plus Bevacizumab
  • Die Population wurde zuerst als Ganzes analysiert, dann in NASH/NAFLD- (n = 336) und nicht-NASH/nicht-NAFLD-Kohorten (n = 423) unterteilt.
  • Es wurde eine multivariate Analyse und ein Propensity-Score-Matching durchgeführt einschließlich aller Merkmale, in denen sich beide Patientenkohorten unterschieden, um das Risiko einer Verzerrung zu reduzieren.
  • Die verbliebenen Patienten wurden in 2 Gruppen unterteilt:
    • LENVIMA® (n = 187)
    • Atezolizumab plus Bevacizumab (n = 187)
  • Ziel: Untersuchung des Einflusses der Ätiologie der zugrunde liegenden Lebererkrankung auf das Gesamtüberleben (OS) unter Immuntherapie ggü. Lenvatinib
  • Wesentliche erhobene und ausgewertete Daten:
    • Primärer Endpunkt: OS mit Atezolizumab plus Bevacizumab oder LENVIMA®
    • Sekundäre Endpunkte: progressionsfreies Überleben (PFS) mit Atezolizumab plus Bevacizumab im Vergleich zu Lenvatinib sowie OS und PFS mit Atezolizumab plus Bevacizumab im Vergleich zu Sorafenib
    • Daten zur Verträglichkeit
  • Mediane Follow-Up-Dauer: 8,9 Monate bei Atezolizumab plus Bevacizumab und 13,7 Monate bei LENVIMA®

Gesamtüberleben in der gesamten Patientenpopulation

Darstellung zum Gesamtüberleben der Patientenpopulation
Darstellung zum Gesamtüberleben der Patientenpopulation

Abb. 1: Gesamtüberleben der Gesamtpopulation unter LENVIMA® oder Atezolizumab plus Bevacizumab bei Patienten mit nicht-viralem HCC. Univariate Analyse und Propensity-Score-Matching Analyse. Darstellung modifiziert von MSD nach Rimini M et al. [1].

Univariate Analyse: In der Patientengruppe, die mit LENVIMA® behandelt wurde, konnte eine Reduktion des Mortalitätsrisikos um 28 % beobachtet werden (HR 0,71; 95 %-KI 0,50 – 1,06; p = 0,1028).1

Propensity-Score-Matching: In der Patientengruppe, die mit LENVIMA® behandelt wurde, konnte eine Reduktion des Mortalitätsrisikos um 39 % festgestellt werden (HR 0,61; 95 %-KI 0,39 – 0,96; p = 0,0327).1

Darstellung zum Gesamtüberleben in der NASH/NAFLD-Population
Darstellung zum Gesamtüberleben in der NASH/NAFLD-Population

Abb. 2: Gesamtüberleben der NASH-/NAFLD-Population unter LENVIMA® oder Atezolizumab plus Bevacizumab bei Patienten mit nicht-viralem HCC. Univariate Analyse und Propensity-Score-Matching Analyse. Darstellung modifiziert von MSD nach Rimini M et al. [1].

Univariate Analyse: Bei Patienten, die LENVIMA® erhielten, konnte eine Reduktion des Mortalitätsrisikos um 54 % festgestellt werden (HR 0,46; 95 %-KI 0,25 – 0,88; p = 0,0181).1

Propensity-Score-Matching: Für Patienten, die LENVIMA® erhielten, konnte eine Reduktion des Mortalitätsrisikos um 67 % gezeigt werden (HR 0,33; 95 %-KI 0,16 – 0,69; p = 0,0028).1

Darstellung zum Gesamtüberleben in der NASH/NAFLD-Population
Darstellung zum Gesamtüberleben in der NASH/NAFLD-Population

Abb. 3: Gesamtüberleben der nicht-NASH-/nicht-NAFLD-Population unter LENVIMA® oder Atezolizumab plus Bevacizumab bei Patienten mit nicht-viralem HCC. Univariate Analyse und Propensity-Score-Matching Analyse. Darstellung modifiziert von MSD nach Rimini M et al. [1].

Univariate Analyse: Es ergab sich bei Patienten, die LENVIMA® erhielten, eine Reduktion des Mortalitätsrisikos um 4 % (HR 0,96; 95 %-KI 0,60 – 1,54; p = 0,8862).1

Propensity-Score-Matching: Patienten, die LENVIMA® erhielten, zeigten ein um 2 % reduziertes Mortalitätsrisiko im Vergleich zu Atezolizumab plus Bevacizumab (HR 0,98; 95 %-KI; 0,55-1,74; p=0,96).1

In der Gesamtpopulation zeigte die multivariate Analyse, dass die Behandlung mit Lenvatinib im Vergleich zu Atezolizumab plus Bevacizumab mit einem längeren OS [Hazard Ratio (HR) 0,65; 95 % Konfidenzintervall (KI) 0,44 – 0,95; p = 0,0268] und PFS (HR 0,67; 95 % KI 0,51 – 0,86; p = 0,002) verbunden war. In der NAFLD/NASH-Population deutete die multivariate Analyse darauf hin, dass die Behandlung mit Lenvatinib im Vergleich zu Atezolizumab plus Bevacizumab mit einem längeren OS (HR 0,46; 95 % KI 0,26 – 0,84; p = 0,0110) und PFS (HR 0,55; 95 % KI 0,38 – 0,82; p = 0,031) verbunden war. In der Subgruppe der Nicht-NAFLD/NASH-Patienten wurde kein Unterschied im OS oder PFS zwischen den mit Lenvatinib und den mit Atezolizumab plus Bevacizumab behandelten Patienten festgestellt.1

  • UE jeglicher Schweregrade wurden bei 77,5 % der Patienten unter Lenvatinib und 70,5 % der Patienten unter Atezolizumab plus Bevacizumab berichtet1
  • UE des Schweregrads > 2 traten im Lenvatinib-Arm ggü. dem Arm mit Atezolizumab plus Bevacizumab häufiger auf (HFS 8 % ggü. 0,5 %; Diarrhoe 9,5 % ggü. 1,1 %; Hypertonie 19,7 % ggü. 6,9 %; Fatigue 21 % ggü. 2,1 %; sonstige Toxizitäten 17 % ggü. 10,5 %)1

Durch den retrospektiven Charakter der Studie konnte ein Selektionsbias von den Autoren nicht ausgeschlossen werden. Die unterschiedlichen Definitionen von NAFLD und/oder NASH in der Literatur zur Einteilung der Patienten stellte ebenfalls eine Einschränkung dar. Darüber hinaus erlaubte der multizentrische und internationale Charakter der Analyse keine Zentralisierung der Bildgebung und die Kriterien der Tumorbefunde basierten auf den jeweiligen internen Protokollen der Studienzentren. Außerdem sollten bei der Interpretation der OS-Ergebnisse die Unterschiede in Bezug auf die mediane Follow-Up-Zeit berücksichtigt werden.1

Die Daten zur Sicherheit sollten aufgrund des retrospektiven Charakters der Studie ebenfalls mit Vorsicht betrachtet werden.

Zudem wurden verschiedene Kohorten von Patienten analysiert, die Unterschiede in den Baseline-Charakteristika zeigten, insbesondere wenn die Gesamtpopulation unter Lenvatinib im Vergleich zu Atezolizumab und Bevacizumab betrachtet wird.1

Da es sich um Real-World-Daten handelt, sollten die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden; sie lassen keine Schlussfolgerungen für klinische Entscheidungen zu.

Fazit

Die Real-World-Analyse von Rimini et al. 2022, die an einer großen Zahl an Patienten mit fortgeschrittenem, nicht-viralem HCC- durchgeführt wurde, deutete erstmals an, dass die Behandlung mit LENVIMA® mit einem signifikanten Überlebensvorteil im Vergleich zu Atezolizumab plus Bevacizumab verbunden war, insbesondere bei Patienten mit NAFLD/NASH-bedingtem HCC.1

In Anbetracht fehlender Evidenz von Level 1 bezüglich des Vergleichs von LENVIMA® mit Atezolizumab plus Bevacizumab lieferte diese Studie wichtige Erkenntnisse, die auf den Einfluss der zugrunde liegenden Ätiologie auf das Behandlungsergebnis bei Patienten mit fortgeschrittenen HCC-Patienten hinweist.1 Zur Validierung dieser Ergebnisse sehen die Autoren größere prospektive Studien als notwendig an.

Quellen

  1. Rimini M et al. Atezolizumab plus bevacizumab versus lenvatinib or sorafenib in non-viral unresectable hepatocellular carcinoma: an international Propensity-Score-Matching analysis. ESMO Open. 2022;7(6):100591. (Inkl. Supplements). DOI: 10.1016/j.esmoop.2022.100591.
  2. Burgio V et al. Real-Life Clinical Data of Lenvatinib versus Sorafenib for Unresectable Hepatocellular Carcinoma in Italy. Cancer Manag Res. 2021 ;13:9379-89. DOI: 10.2147/CMAR.S330195.
  3. Rimini M at al. Nonalcoholic steatohepatitis in hepatocarcinoma: new insights about its prognostic role in patients treated with lenvatinib. ESMO Open. 2021;6(6):100330. DOI: 10.1016/j.esmoop.2021.100330.
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