Podcast: Pneumokokken-Impfung in der kinderärztlichen Praxis
Podcast: Pneumokokken-Impfung in der kinderärztlichen Praxis
Die Pneumokokken-Impfung spielt in kinderärztlichen Praxen eine besondere Rolle. Wie ist die Empfehlung der STIKO für die Pneumokokken-Impfung im Säuglingsalter? Was hat das Stichwort „Timing“ damit zu tun? Und hat die Pneumokokken-Säuglingsimpfung Auswirkung auf die Serotypenverteilung bei den gemeldeten invasiven Pneumokokken-Erkrankungen?
Dr. med. Sören Westerholt (Wolfsburg) erläutert in dieser Folge des Pneumokokken-Podcasts die Bedeutung der Pneumokokken-Impfung in kinderärztlichen Praxen und berichtet, wie der Experte und sein Praxisteam dem immer voller werdenden Impfkalender begegnen. Außerdem verrät Dr. Westerholt,
- ob es im Jahr 2025 Neuerungen in der Pneumokokken-Impfempfehlung der STIKO gab,
- welche Impfstoffe die STIKO zur Standardimmunisierung von Säuglingen und Kleinkindern empfiehlt,
- ob die Pneumokokken-Säuglingsimpfung einen Einfluss auf die Serotypen-Verteilung bei gemeldeten invasiven Pneumokokken-Erkrankungen hat,
- welche Rolle das Timing bei der Pneumokokken-Impfung spielt
- und welche Strategien der Experte und sein Praxisteam zur Verbesserung des Impfmanagements nutzen.

Dr. med. Sören Westerholt, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin (Wolfsburg)
Gleich reinhören und mehr erfahren!
Moderatorin Avan Sidiq:
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Pneumokokken-Podcasts „Pneumokokken-Impfung in der kinderärztlichen Praxis – Bedeutung und Herausforderungen“. Dieser Podcast ist gesponsert von MSD.
Invasive Pneumokokken-Erkrankungen, kurz auf Englisch IPD genannt, sind nach wie vor eine Herausforderung: Bis Anfang April 2025 wurden etwa 4.300 IPD-Fälle an das Robert Koch-Institut übermittelt. Zum Vergleich: 2024 waren es bis zum gleichen Zeitpunkt ca. 3.000 Fälle. Auffällig ist, dass in den letzten Jahren mehr Kinder im 1. Lebensjahr von einer IPD betroffen waren als im 2. Lebensjahr.
Eine frühzeitige, zeitgerechte und vollständige Immunisierung von Säuglingen scheint entscheidend für die Reduktion von schweren Pneumokokken-Erkrankungen in den ersten Lebensjahren. Die aktuellen Pneumokokken-Impfquoten zeigen, dass hier noch Luft nach oben ist.
Ich bin Avan Sidiq und begrüße heute bei uns Herrn Dr. Sören Westerholt. Er ist niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in Wolfsburg, erfahrener Studienarzt und Vorstandsmitglied bei NetStap, einem Verein von Pädiatern, der die Unterstützung der klinischen Forschung vorantreibt. Dr. Westerholt wird uns ein Update zur Pneumokokken-Impfung geben. Wir sprechen mit ihm über die Bedeutung und Herausforderungen im Praxisalltag, die der mittlerweile recht umfangreiche Impfkalender mit sich bringt, und darüber, wie ein möglichst optimales Impfmanagement im Praxisalltag gelingen kann.
Herzlich willkommen Herr Dr. Westerholt.
Dr. med. Sören Westerholt:
Hallo, Frau Sidiq.
Moderatorin Avan Sidiq:
Herr Dr. Westerholt, in der Regel aktualisiert die STIKO einmal jährlich ihre Impfempfehlungen – so auch im Januar 2025. Gab es Neuerungen in Bezug auf die Pneumokokken-Impfung bei Säuglingen und Kleinkindern?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja Frau Sidiq, streng genommen nicht. Es gab eigentlich keine wesentlichen Änderungen. Die aktuelle Impfempfehlung für 2025 ist im Grunde genommen die gleiche wie im Jahr davor. Sie sieht im Besonderen so aus, dass bei reifgeborenen Säuglingen das sogenannte 2+1-Schema empfohlen wird. Das bedeutet, die Kinder werden im Alter von 2, 4 und 11 Monaten geimpft. Bei frühgeborenen Säuglingen gilt nach wie vor das sogenannte 3+1-Schema. Das bedeutet, dass eine zusätzliche Impfdosis im Alter von 3 Monaten verabreicht werden soll. Bei ungeimpften Säuglingen im 2. Lebensjahr bleibt es bei den 2-Dosen-Schema im Alter von 12 bis 24 Monaten, wobei hier ein Abstand von 8 Wochen mindestens eingehalten werden muss. Und nach wie vor gibt es leider in Deutschland keine Catch-Up Empfehlung bis zum 5. Geburtstag. Das trifft nur bei Indikationen zu. Die USA sind hier in der Tat ein wenig weiter.
Moderatorin Avan Sidiq:
Sie haben jetzt eben gesagt, dass es keine Neuerungen gab in Bezug auf die Pneumokokken-Impfung. Gibt denn die STIKO Empfehlungen zu den Impfstoffen ab, die für die Standardimmunisierung von Säuglingen und Kleinkindern eingesetzt werden können?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja, das ist in der Tat der Fall, und zwar so, dass die STIKO in diesem Fall besonders auf einige Impfstoffe abhebt, die genommen werden können. Ich darf an der Stelle vielleicht erwähnen, dass das für die STIKO-Empfehlung eher unüblich ist. Bis jetzt oder in den vergangenen Jahren war es üblicherweise so, dass die STIKO die Immunisierung gegen einzelne Erkrankungen mit geeigneten Impfstoffen empfohlen hat. Normalerweise keine Impfstoffe. In dem Fall weicht sie ein wenig davon ab und empfiehlt letztlich 2 Impfstoffe zur Grundimmunisierung bei Säuglingen: Den 13-valenten Konjugat-Pneumokokken-Impfstoff und den 15-valenten Impfstoff. Der 15-valente Impfstoff deckt letztlich die 13 Serotypen des 13-valenten Impfstoffs plus 2 weiteren ab und diese 2 weiteren sind die Serotypen 22F und 33F.
Viele fragen sich an der Stelle natürlich auch „Was ist mit den 20-valenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff? Dieser ist in einigen Ländern außerhalb Europas, aber auch innerhalb Europas zugelassen, vor allen Dingen für das 3+1-Schema – für das in Deutschland angewendete 2+1-Schema im Säuglingsalter hingegen nicht. Das 3+1-Schema kommt ja, wie bereits ausgeführt, bei Frühgeborenen zum Einsatz. Dafür könnte man ihn theoretisch verwenden. Im 2+1-Schema leider nicht. Die Probleme dieses Impfstoffs, wenn man das so nennen darf, liegen darin, dass er bei den gemeinsamen Serotypen zum PCV13-Impfstoff in einigen Fällen eine geringere Immunogenität aufweist und die STIKO sich deswegen bis jetzt nicht dazu entscheiden konnte, diesen Impfstoff entsprechend zu empfehlen. Was das klinisch im Einzelnen bedeutet, was hier an Surrogatmarkern bestimmt wurde, lässt sich natürlich nicht klar beurteilen.
Moderatorin Avan Sidiq:
Jetzt haben Sie eben die Serotypenverteilung erwähnt Herr Dr. Westerholt. Beeinflusst die Pneumokokken-Säuglingsimpfung die Verteilung der Serotypen der gemeldeten IPD-Fälle?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja, das ist eine sehr interessante Frage, vor allen Dingen, weil sie im historischen Verlauf anders beantwortbar ist. Zunächst einmal hatten wir ja den 7-valenten Säuglings-Konjugatimpfstoff gegen Pneumokokken, der bei allen Altersgruppen, auch bei den nicht Geimpften vor allem Erwachsenen einen deutlichen Rückgang dieser 7 Serotypen zur Folge hatte. Das hat sich mit der Einführung des 13-valenten Konjugatimpfstoffs dann leider ein bisschen verändert und auch schon vor der Covid-Pandemiezeit. Diese zusätzlichen 6 Serotypen, die hier mit eingebracht wurden, zeigten zwar bei Kindern, aber weniger bei Erwachsenen einen Rückgang der entsprechenden Serotypen bei IPD-Fällen. Bei Erwachsenen kann man glaube ich mit gutem Recht vermuten, dass es mit der Dominanz des Serotyps 3 zu tun hat, den wir eigentlich in keinem Alter in den Griff kriegen und auch möglicherweise mit den verschiedenen Altersgruppen, die hier zu betrachten sind.
Es gibt leider auch immer eine Kehrseite der Medaille: Wenn wir höhervalente Impfstoffe einführen bzw. überhaupt einzelne Serotypen durch Impfstoffe in der Bevölkerung vermeiden wollen bzw. dann auch die Besiedelung dieser Serotypen vermeiden wollen, dann gibt es das Phänomen des sogenannten Serotypen-Shifts, das heißt auch Serotypen-Replacement genannt. Das heißt, andere Serotypen, wir kennen ja bei den Pneumokokken gut 100, übernehmen dann leider auch bei den invasiven Erkrankungen zum Teil die Regie, was uns dann vor neue Herausforderungen stellt. Und letztlich müssen wir auf diese Herausforderung so reagieren, dass wir mit anderen Impfstoffen, also mit höhervalenten, wie das jetzt passiert ist, antworten.
Moderatorin Avan Sidiq:
Lassen Sie uns mal über das Impf-Timing sprechen. Also viele Kinder werden ja zu spät und / oder nicht vollständig geimpft. Gilt das auch für die Pneumokokken-Impfung? Und welche Rolle spielt hier das Timing?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja, sicherlich eine ganz wesentliche. Wobei man immer vorsichtig sein muss: So ganz viele Daten haben wir dazu nicht. Zunächst einmal der ja der ganz offensichtliche Fakt, dass wir die Kinder bis zum 2. Geburtstag schlicht und ergreifend nur in 74 % der Fälle vollständig immunisiert haben. Das heißt, 1/4 der Fälle der 2-jährigen ist nicht ausreichend immunisiert und damit auch nicht gut geschützt gegenüber einer invasiven Pneumokokken-Erkrankung. Die IPD, also die invasive Pneumokokken-Erkrankung, ist ja, wie Sie auch vor anfangs schon sagten, altersabhängig. Das heißt, das Risiko, daran zu erkranken, ist vor allen Dingen in den ersten 2 Lebensjahren, aber auch noch in den 3 folgenden Lebensjahren erstaunlich hoch. Das hat auch was mit der sogenannten Besiedelung zu tun. Umso wichtiger ist es aber natürlich dann, dass wir die frühzeitige und zeitgerecht und vollständige Immunisierung auch tatsächlich umsetzen. Denn sonst können wir verständlicherweise auch keinen Schutz erwarten.
Pneumokokken können ja als invasive Erkrankungen Bakteriämien, Meningitis auslösen, aber natürlich auch lokale Infektionen wie die Mittelohrentzündung oder auch die Nebenhöhlen-Entzündung. Schaut man sich die invasiven Pneumokokken-Erkrankungen in den ersten 2 Lebensjahren genauer an, dann sieht man ein sehr interessantes Phänomen, nämlich dass Kinder zum Teil auch an den Serotypen erkranken, gegen die sie eigentlich geimpft sein müssten. Und wenn man sich diese Fälle – wie in Aachen Referenzzentrum aufgearbeitet – genau anguckt, stellt man fest, dass die, die dann eine sogenannte Durchbruchserkrankung erlitten haben, eigentlich gar nicht oder nur unvollständig geimpft waren. Was dann wiederum bedeutet, dass eben wiederum nur die vollständige und rechtzeitige Immunisierung auch nur ein Schutz vermitteln kann.
Was jetzt unsere Erfahrung in der Praxis betrifft, so kann man glaube ich sagen, dass wir Gott sei Dank nur noch selten schwere hospitalisierte Fälle in unserer niedergelassenen Praxis sehen. Die Mittelohrentzündung als einer der anderen nicht invasiven häufigen Folgen der Pneumokokken-Erkrankung ist sicherlich deutlich zurückgegangen. Im Einzelfall würde ich mir nicht zutrauen, das in Zahlen zu beurteilen. Das ist im turbulenten Praxisalltag sicherlich so nicht ganz möglich, zumal man berücksichtigen muss, dass die Mittelohrentzündung ja im Regelfall eine Mischinfektion ist. Das heißt, die Pneumokokken oder andere Bakterien spielen hier eine Rolle, aber im Regelfall zusammen mit Viren, die dies auch initiieren.
Moderatorin Avan Sidiq:
Herr Dr. Westerholt, die STIKO hat im Januar 2025 den Impfkalender um die Immunisierung gegen RSV erweitert. Was bedeutet jetzt der immer vollere Impfkalender für Sie und Ihr Praxisteam im Alltag – vor allen Dingen dann im Hinblick auf das Impfmanagement?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja, auch danke für diese Frage. Das ist natürlich immer wieder eine Herausforderung. Wobei man, wenn man jetzt besonders auf die RSV-Immunisierung, ist ja keine Impfung in dem Sinne, sondern eine passive Immunisierung, wenn man darauf genau abhebt, dann muss man sagen, dass die STIKO-Empfehlung selbst uns eigentlich überhaupt keine Probleme bereitet hat. Zumal wir deswegen darauf gut vorbereitet waren, weil wir an den Phase-3-Studien, die dann letztendlich auch zur Einführung dieser Immunisierung geführt haben, bereits teilgenommen hatten. Das hat uns zum Beispiel auch bei der Motivation der Eltern enorm geholfen, weil diese oder zumindest viele von den Eltern, schon durch unsere Teilnahme an der vorauslaufenden Studie darauf eingestellt waren.
Besonders große Herausforderung war für uns die (die) Umsetzung dieser Empfehlung, weil tatsächlich die Antikörper-Verfügbarkeit in Einzelfällen sehr spärlich war. Wir hatten mit Einzelrezepten, also fehlendem Sprechstundenbedarf, wir hatten mit Nichtverfügbarkeit bestimmter Konzentrationen dieses Antikörpers zu tun und dann auch teilweise das paradoxe Erlebnis, dass wir zwar Antikörper hatten, das Kind aber bis wir den Antikörper injizieren konnten leider sich schon angesteckt hatte, was für alle Beteiligten natürlich dann wirklich sehr, sehr schade ist. Aber so ist das natürlich bei Einführung von neuen Impfempfehlungen, das läuft niemals von Anfang an komplett rund.
Vielleicht noch so ein paar Hinweise auf das, was uns mit dem Impfmanagement jeden Tag beschäftigt. Wir sind sehr dahinter her, den Impfstatus der Patienten im Praxisalltag aktiv zu überprüfen. Dabei hilft uns auch entsprechende Impfsoftware, die uns gerade bei Vorsorgen sofort signalisiert, ob hier entsprechende Lücken noch vorhanden sind. Das Wichtigste ansonsten sicherlich, dass wir klare Schemata im Kopf haben, die wir dann auch anwenden, damit jede Person im Praxisalltag genau weiß, was das übliche Vorgehen sein sollte.
Moderatorin Avan Sidiq:
Das wäre jetzt tatsächlich auch meine nächste Frage gewesen, mit welchen Strategien Sie versuchen, hier mit ihrem Praxisteam gegenzusteuern. Welche Art oder ja welche Rolle spielen Erinnerungs- und Nachverfolgungssysteme in Ihrer Praxis? Und welche dieser Systeme nutzen sie? Nutzen Sie zum Beispiel auch die BVKJ-PraxisApp?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja, das ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt, der übrigens auch von der STIKO immer wieder betont wird als gute und sinnvolle Verbesserungsmaßnahme. Man muss vielleicht erst mal da anfangen, wo ich eben schon ein bisschen rumgestochert habe bei dem klaren Impfkalender, das heißt in der Praxis der klaren Ansprache, zu welchem Zeitpunkt wir was machen wollen. Wenn wir das nach der berühmten 80:20-Regel im Kopf haben, dann können wir auch mit den Fällen sehr, sehr gut umgehen, die mal nicht nach diesem Schema ablaufen. Das heißt, die Weiterbildung und entsprechende Ansprache der MFA, aber auch der Kolleginnen und Kollegen ist Voraussetzung dafür, dass wir das zeitgerecht umsetzen können und stets wissen, in welchem Teil des Schemas wir uns jeweils bewegen.
Was jetzt Ihre Frage bezüglich Tools anbetrifft: Also ich möchte zunächst einmal auf die gute Software hinweisen, die uns gerade wenn wir nicht so erfahren sind im Umgang mit Impfungen, also ImpfDocNe, jederzeit sagt „Was ist jetzt angezeigt als nächste Impfung?“. Das hilft gerade den Unerfahrenen extrem. Was Recall-Systeme betrifft hier kann man zum Beispiel die PraxisApp verwenden. Wir persönlich tun das bei Impfungen eher nicht. Wir verwenden sie primär für die Erinnerung an Vorsorgetermin. Das liegt daran, dass wir ein anderes Tool haben, über das zum Beispiel auch Online-Termine wie Impfungen gebucht werden können und hier ist dann eine automatisierte, automatisierte Erinnerung automatisch mit implementiert. Und da die Eltern sich hier anmelden müssen mit ihrer E-Mail und Handynummer, ist dann auch gewährleistet, dass diese Verbindung, also diese Kontakte dann auch als direkter Rückruf bzw. SMS-Versand mit bedient werden können.
Moderatorin Avan Sidiq:
Und wie gehen Sie dann mit Änderungen im Impfkalender um?
Dr. med. Sören Westerholt:
Auch eine sehr gute Frage. Im Regelfall offensiv. Das heißt wir kommunizieren das über die Kanäle, die uns zur Verfügung stehen. Hier spielt übrigens die PraxisApp dann wieder eine sehr, sehr große Rolle. Hier haben wir ja mehrere tausend Eltern bzw. über die Patienten die Eltern dann angeschlossen. Das können wir darüber sehr, sehr gut kommunizieren. Wir tun das auch über Facebook und Facebook wird bei uns auch über die Praxis-Homepage gespiegelt, sodass das wichtige Kommunikations- und Verbreitungsmöglichkeiten sind. Wenn wir aber ehrlich sind, muss man natürlich sich eingestehen, dass viele Eltern auch die Pushnachrichten der PraxisApp nicht zur Kenntnis nehmen. Und die müssen wir dann unbedingt bei jedem Besuch in der Praxis noch mal aktiv darauf hinweisen. Also es geht nichts über die persönliche Ansprache, das kann auch mal am Telefon notwendig sein. Im Regelfall helfen diese Tools aber durchaus, um die Eltern für diese Neuerungen zu sensibilisieren.
Moderatorin Avan Sidiq:
Ich habe noch eine letzte Frage an Sie, Herr Dr. Westerholt. Was ist denn Ihre Take Home Message für Ihre Kolleginnen und Kollegen?
Dr. med. Sören Westerholt:
Ja, also mit Blick auf die Pneumokokken-Impfung und die zugrundeliegenden IPD-Fallzahlen: Diese steigen, aus welchen Gründen auch immer. Ich persönlich glaube, dass auch der Post-Pandemie-Effekt eine große Rolle spielt. Ich denke, dass die wichtigste Empfehlung, die ist, dass die Leute meistens das nachmachen oder machen, nicht was man ihnen sagt, sondern was man ihnen vormacht. Das heißt uns kommt, uns Ärztinnen und Ärzte kommt in den Praxen eine ganz, ganz große Rolle zu: Wir dürfen nicht nur empfehlen, sondern wir müssen es auch vorleben mit den eigenen Kindern und selbstverständlich auch bei uns selbst. Nur wenn wir die die STIKO-Empfehlung selbst bei uns umsetzen, werden es auch die anderen tun, das heißt unser Team und letztendlich auch die Eltern bzw. Patienten, die wir betreuen.
Ein weiterer, vielleicht wichtiger Take Home Message, die ich so noch gar nicht erwähnt habe bis jetzt in diesem Podcast, ist die Empfehlung sich anzugucken, was wir routinemäßig eigentlich so machen. Das heißt, es ist sicherlich so, dass viele von uns denken, – auch sicherlich zu Recht denken – dass wir, was Impfprävention betrifft, sehr, sehr gut arbeiten. Wenn wir dann aber genau mal nachgucken und hier im Hinblick auf die Pneumokokken-Impfung, kann ich nur die U7 als Maßstab empfehlen. Wenn wir da also genau mal nachgucken, werden wir feststellen, dass doch ziemlich viele Patienten oder mehr als wir glauben, hier Impflücken haben, weil meistens um den 1. Geburtstag und in der Folge eine Impfung oder auch vielleicht sogar mehrere verpasst wurden. Das ist häufig ein Türöffner dazu, sich noch mal genauer Gedanken zu machen, wie man so etwas verbessern kann. Wenn man nicht genau hinguckt, wird man es nicht erkennen. Insofern ist das ein wichtiger Rat. Schauen Sie sich mal die eigenen Daten an, das ist häufig sehr, sehr lehrreich.
Vielleicht noch, wenn man die Pneumokokken-Impfung wissenschaftlich betrachtet, dann muss man sicherlich auch noch sagen, dass wir langfristig Impfstoffe brauchen, um die Serogruppenabdeckung zu verbessern. Wobei auch hier mir ein Hinweis erlaubt sei, nämlich: Wir wissen eigentlich noch gar nicht so ganz genau, welche Serotypen sind die bösen Buben und welche sind die guten. Es ist sicherlich nicht so, dass wir pneumokokkenfrei sein sollten, denn es gibt durchaus einen Sinn, warum uns diese Keime, diese Bakterien besiedeln. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir den Sinn nicht hundertprozentig. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, wir müssen nur alle vertreiben, dann wird schon alles gut werden. Wir brauchen genauere Kenntnisse darüber, welche Serotypen uns besonders schaden und welche eher harmlos oder sogar symbiotisch wirken.
Das Wichtigste aber noch vielleicht an der Stelle die Wiederholung dessen, was ich so schon ein bisschen angedeutet habe bei den Durchimpfungsraten. Also es gibt ein schönes Zitat eines meiner Kollegen, der mal gesagt hat „Es ist eigentlich egal, mit welchem Impfstoff wir gegen Pneumokokken nicht impfen.“ Das heißt, bevor wir uns darüber Gedanken machen, welcher Impfstoff mit welchem Serotyp einen noch besseren Schutz erreichen könnte, sollten wir uns vor allen Dingen an die Impfquoten halten und das impfen, was uns zur Verfügung steht. Wenn wir das besser umsetzen würden, glaube ich, hätten wir viele Probleme, deutlich weniger als wir sie momentan sehen.
Vielleicht bei den Pneumokokken eine wichtige Schlussfolgerung auch als Take Home Message: Der sogenannte Serotypenshift, das ist etwas, was wir vermehrt sehen und was uns auch Sorgen bereitet. Ich hatte in einem Nebensatz auch diesen Serotyp 3 kurz angesprochen. Mit dem kommen wir, wenn man es mal ehrlich sagt, so gar nicht so recht. Und wir wissen auch gar nicht so ganz genau, warum der in den letzten Jahren so dominant geworden ist. Es gibt noch andere Serotypen, die eine Rolle spielen. Aber der Serotyp 3 ist hier in allen Altersgruppen übrigens ganz besonders zu erwähnen.
Und zu guter Letzt wichtige Take Home Message: Gutes, organisiertes Praxismanagement kann entscheidend sein dafür, dass wir zeitgerecht und vollständig umsetzen. Und das gelingt uns natürlich nur, wenn wir auch entsprechende Software haben, die es uns ermöglicht, den Impfstatus schnell, konsequent und richtig zu erfassen.
Moderatorin Avan Sidiq:
Super, vielen Dank für das Gespräch, die gute Zusammenfassung und den fundierten Einblick, Herr Dr. Westerholt.
Dr. med. Sören Westerholt:
Sehr, sehr gerne.
Moderatorin Avan Sidiq:
Und damit sind wir am Ende unserer heutigen Sendung angelangt. Ich hoffe, dass Ihnen unser Gespräch gefallen hat. Mein Name ist Avan Sidiq und ich freue mich, dass Sie sich die Zeit für unseren Pneumokokken Podcast genommen haben. Ich verabschiede mich bei Ihnen, Herr Dr. Westerholt, und bei unseren Zuhörerinnen und Zuhörern.
Dr. med. Sören Westerholt:
Tschüss und auf Wiedersehen Frau Sidiq.
Wir weisen darauf hin, dass der Inhalt dieses Podcast die Meinung der Sprechenden widerspiegelt und nicht notwendigerweise mit der von MSD übereinstimmen muss.
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