Die richtige Strategie für HPV-Impfgespräche
Bislang sind in Deutschland nicht genug 9- bis 17-Jährige vollständig mit der HPV-Impfung geimpft. Eine effektive Kommunikation im Zusammenhang mit Impfungen könnte zur Erhöhung der Impfquoten beitragen. Lesen Sie hier, mit welcher Strategie Impfgespräche wirkungsvoller gelingen.
Eine Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) kann neben Genitalwarzen bestimmte HPV-bedingte Krebsarten verursachen, wie beispielsweise Gebärmutterhalskrebs und Analkarzinome.1 Die wichtigste Präventionsmaßnahme, um bestimmten HPV-bedingten Erkrankungen vorbeugen zu können, ist die HPV-Impfung.2 Zur Reduktion der Krankheitslast durch bestimmte HPV-assoziierte Tumoren empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine frühzeitige Impfung im Alter von 9–14 Jahren.3 Versäumte Impfungen sollen bis zum Tag vor dem 18. Geburtstag nachgeholt werden.3 Dennoch sind in Deutschland bislang nicht genug Kinder und Jugendliche im Alter von 9–17 Jahren vollständig geimpft: 2024 waren nur 55 % der 15-jährigen Mädchen und 36 % der 15-jährigen Jungen vollständig geimpft.4
Aufklärung über die HPV-Impfung: Ärzte in der Schlüsselrolle
Wie aus dem Abschlussbericht des IGES-Instituts für das Bundesministerium für Gesundheit aus dem Jahr 2021 hervorgeht, spielen Ärzte eine wichtige Schlüsselrolle bei der Informationsvermittlung zur HPV-Impfung.5 Über die Hälfte der quantitativ befragten Eltern (53,9 %) wurden von einem Kinderarzt über die HPV-Impfung aufgeklärt.5 21,9 % gaben an, dass die Aufklärung durch einen Frauenarzt erfolgte, während 18,8 % diese durch einen Hausarzt erhielten.5
Das Robert Koch-Institut (RKI) sieht die Arzt-Patienten-Kommunikation als einen relevanten Faktor bei der HPV-Impfentscheidung an, um insbesondere die Bedenken von unsicheren oder impfkritischen Eltern zu adressieren.6 Die Kommunikation wird bei der HPV-Impfung als besonders herausfordernd eingeschätzt, da häufig geringes Vorwissen besteht und die Aufklärung zu einer Infektion, die über sexuelle Kontakte übertragen wird, Scham auslösen kann.6
HPV-Impfkommunikation im Praxisalltag: Auch MFA spielen eine wichtige Rolle
Da Impfungen in Deutschland fast ausschließlich in Arztpraxen durchgeführt werden, bietet jeder Praxis- bzw. Arztkontakt die Chance für die Durchführung einer empfohlenen Impfung.6 Die InveSt-HPV-Studie untersucht in diesem Zusammenhang Schulungen zur Impfkommunikation für medizinisches Personal – einschließlich Medizinischer Fachangestellter (MFA).6 Damit werden gezielt die Berufsgruppen angesprochen, die bei der Impfentscheidung die mit Abstand wichtigste Rolle spielen.6 Es werden zudem explizit Schulungen für MFA konzipiert, um sie in ihrer wichtigen Rolle im Kontakt mit den Eltern zu unterstützen.6 Erste Auswertungen zeigten, dass solche Schulungen sowohl das Wissen zu HPV als auch zu Gesprächstechniken verbessern können.7 Insbesondere bei MFA wurde ein deutlicher Wissenszuwachs berichtet.7 Zudem zeigte sich eine erhöhte Sicherheit im Umgang mit impfzögerlichen Eltern.7
Die richtige Strategie für Impfgespräche
Die Gründe für die Impfskepsis von Eltern sind vielfältig:5
Sie reichen von Angst vor Nebenwirkungen bis hin zu allgemeinen Bedenken gegenüber der Sinnhaftigkeit der Impfung.5
Für erfolgreiche Impfgespräche braucht es mehr als Fachwissen: In einer Publikation von O’Leary (2025) werden Kommunikationsstrategien beschrieben, um Vertrauen aufzubauen und die Impfbereitschaft von Eltern zu stärken.8 Eine wirksame Impfkommunikation sollte mit dem gemeinsamen Ziel beginnen, das Beste für das Kind zu wollen.8 Statt offene Fragen zu stellen, kann es effektiver sein, die HPV-Impfung als medizinischen Standard darzustellen.8 Darüber hinaus wird beschrieben, dass soziale Normen Einfluss auf Impfentscheidungen haben, da Eltern ihre Entscheidung auch am Verhalten anderer orientieren. Eine entsprechende Einordnung der Impfung als übliche und erwartbare Maßnahme kann diese Wahrnehmung unterstützen.8 Zeigt sich dennoch Zurückhaltung, können Methoden der motivierenden Gesprächsführung – offene Fragen, Bestätigung, Einholen von Zustimmung helfen.8 Solche Strategien haben sich nachweislich bei der HPV-Impfung bewährt:9 Eine randomisierte klinische Studie von Dempsey et al. mit 43.132 Patienten zeigte, dass Schulungen für medizinisches Personal in motivierender Gesprächsführung die HPV-Impfquote steigerten – mit einem Anstieg von 9,5 % gegenüber der Kontrollgruppe.9
Ergänzend wird das sogenannte Prebunking beschrieben, also das frühzeitige Entkräften von Fehlinformationen, bevor Eltern ihnen andernorts begegnen.8 Ängste etwa vor Inhaltsstoffen sollten sachlich und verständlich erklärt werden.8 Schließlich kann eine wertebasierte Kommunikation die Akzeptanz erhöhen.8
Diese Strategien lassen sich auch im Praxisalltag anwenden – insbesondere im direkten Kontakt mit Eltern. Wir haben die Empfehlungen von O’Leary et al. für Sie in einer praxisnahen 6-Punkte-Strategie gebündelt. Damit können Sie Gespräche zur HPV-Impfung klar, empathisch und überzeugend führen.
6-Punkte-Strategie für Gespräche über Impfungen mit Eltern:8
1. Impfung als medizinischen Standard darstellen
Aussagen wie „Heute ist es Zeit für Mayas Impfung“ normalisieren die Impfung als routinemäßige medizinische Versorgung, während eine Frage wie „Was denken Sie über die Impfung heute?“ signalisiert, dass Impfungen optional sind, was möglicherweise Zweifel verstärkt.
2. Auf das Verhalten anderer hinweisen
Ein Hinweis wie „Über 95 % der Kinder in unserer Praxis sind vollständig geimpft“ signalisiert, dass Impfen der gesellschaftliche Standard ist – und motiviert zur Anpassung an die Norm.
3. Motivierende Gesprächsführung einsetzen
Offene Fragen, Spiegelung und das Einholen von Erlaubnis zum Informieren („Diese Frage ist mir schon ein paar Mal begegnet, deshalb habe ich mich damit beschäftigt. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich mit Ihnen durchgehe, was ich herausgefunden habe?“) fördern Dialogbereitschaft und Akzeptanz.
4. Sogenanntes Prebunking nutzen
Durch frühes Ansprechen möglicher Fehlinformationen („Es gibt viele ungenaue Aussagen zu Impfstoffen…“) kann verhindert werden, dass Eltern später durch irreführende Aussagen beeinflusst werden.
5. Wertebasierte Kommunikation anwenden
Bei impfkritischen Eltern kann es helfen, auf Werte wie persönliche Freiheit, das Hervorheben der allgemeinen Vorteile von Impfungen für die Gemeinschaft oder Selbstbestimmung einzugehen, um Impfungen so mit den individuellen Überzeugungen in Einklang zu bringen.
6. Transparenz bei Risiken zeigen
Eltern sollten erfahren, dass Nebenwirkungen zwar möglich sind, aber der Nutzen einer Impfung die Risiken bei weitem überwiegt.
Dranbleiben lohnt sich
Impfgespräche sollten nicht als einmalige Diskussionen verstanden werden, sondern als fortlaufende Dialoge, die auf einer vertrauensvollen Beziehung basieren.8 Eltern, die Impfungen zunächst abgelehnt hatten, könnten ihre Meinung im Laufe der Zeit ändern – insbesondere dann, wenn sie konsistente Informationen von einer vertrauten Fachperson erhielten.8 Entscheidend ist dabei ein beharrliches, aber einfühlsames Dranbleiben – kombiniert mit Respekt gegenüber der elterlichen Entscheidungsfreiheit – was letztlich zu einer höheren Impfbereitschaft führen kann.8
In unserem Beitrag HPV-Impfung bei Erwachsenen: Wer kommt infrage – und wie erkenne ich geeignete Patienten im Praxisalltag? finden Sie Patientenprofile, die Ihnen dabei helfen, typische Praxissituationen zu identifizieren, in denen sich eine Impfberatung anbietet.
Abkürzungen
HPV: Humane Papillomviren
RKI: Robert Koch-Institut
STIKO: Ständige Impfkommission
Quellen
- Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz). Humane Papillomviren (HPV) als Krebs-Auslöser: Absteckung, Krebsrisiko, HPV Test; 2021 [abgerufen am 20.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/hpv2.php.
- RKI. RKI-Ratgeber Humane Papillomviren; Erstveröffentlichung im Epidemiologischen Bulletin 27/2018. Letzte Aktualisierungen: Dezember 2023 [abgerufen am 08.04.2026]. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_HPV.html.
- Robert Koch-Institut (RKI). Ständige Impfkommission. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026 Epid Bull 2026;4:1- 79; 2026 [abgerufen am 20.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2026/04_26.pdf?__blob=publicationFile.
- Robert Koch Institut (RKI). VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland [abgerufen am 20.03.2026]. Verfügbar unter: https://public.data.rki.de/t/public/views/VacMap/HPV_Maindashboard?%3Aembed=y&%3Atabs=n.
- IGES Institut. Systematische Bestandsanalyse im Förderschwerpunkt Entwicklung, Erprobung und Evaluation digitaler Medien für die Förderung des Impfens am Beispiel von HPV »digiMed-HPV«: Abschlussbericht für das Bundesministerium für Gesundheit Berlin, Juni 2021; 2021 [abgerufen am 20.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/abschlussbericht/IGES_digiMed_Abschlussbericht_bf.pdf.
- Robert Koch Institut (RKI). Interventionsstudie zur Steigerung der HPV-Impfquoten in Deutschland – InveSt HPV; 2026 [abgerufen am 20.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Forschungsprojekte/InvestHPV/InvestHPV.html#_ldrdocbqf.
- Takla Aea. InveSt HPV – Neue Ansätze zur Förderung der HPV-Impfung: Können Impferinnerungen, Schulungen und Gesprächstechniken einen Unterschied machen?; 2025 2025 Mar 28. Verfügbar unter: https://www.bfr-akademie.de/media/wysiwyg/2025/oegd2025/invest-hpv-neue-ansaetze-zur-foerderung-der-hpv-impfung.pdf [abgerufen am 23.03.2026].
- O’Leary ST. Strategies for Communicating With Parents About Vaccines. JAMA 2025.
- Dempsey AF et al. Effect of a Health Care Professional Communication Training Intervention on Adolescent Human Papillomavirus Vaccination: A Cluster Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr 2018; 172(5):e180016.
DE-NON-07199 04/26