Immunseneszenz & Impfen – Der Einfluss des Alterns
Die Stärke der Immunantwort auf eine Impfung wird durch die im Alter abnehmende Fähigkeit des Immunsystems auf Impf-Antigene zu reagieren beeinflusst. Das gilt auch für die Dauer des Impfschutzes.1 Warum das so ist und was bei der Impfung von Senior:innen zu beachten ist, hier.
Wie sich Immunseneszenz auf die Gesellschaft auswirkt
Das Immunsystem unterliegt altersbedingten Veränderungen, die in ihrer Gesamtheit Immunseneszenz genannt werden. Immunseneszenz geht jedoch auch mit einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen und Autoimmunerkrankungen einher sowie mit einem schlechten Impfansprechen.3 Auch Alzheimer und Krebs zählen zu den gemeinhin bekannten altersbedingten Erkrankungen, die mit diesen Veränderungen des Immunsystems einher gehen können.4
Die Zunahme des Anteils älterer Menschen stellt Gesundheits- und Sozialsysteme von Ländern auf der ganzen Welt vor große Herausforderungen. Ein Ende ist dabei nicht in Sicht: Zwischen den Jahren 2015 und 2050 wird sich die Zahl der Menschen in der Altersgruppe 60+ weltweit nahezu verdoppeln. Schon heute gibt es mehr Menschen der Altersgruppe 60+ als Kinder unter 5 Jahren.2
Das Immunsystem ist die wichtigste Verteidigung des Körpers gegen Krankheitserreger.5 Dabei umfasst der Begriff Immunsystem alle Abwehrsysteme des Körpers gegen Krankheitserreger und Fremdstoffe. Antikörper und spezialisierte Zellen, wie z. B. T-Zellen, gehören zu den wichtigsten Bestandteilen des Immunsystems.6 Im Blut, den Lymphwegen und im Gewebe sind unterschiedlichste Immunzellen zu finden. Die Wirkmechanismen sind dabei sehr vielfältig:5
- Immunzellen können Substanzen ausschütten, die Keime schädigen
- Keime können aufgenommen und verdaut werden
- Keime können markiert werden, um anderen, hochspezialisierten Abwehrzellen präsentiert zu werden
Unterschieden werden das angeborene und das erworbene Immunsystem:5
Das angeborene Immunsystem ist das stammesgeschichtlich ältere der beiden. Es reagiert zwar relativ unspezifisch auf eindringende Keime aller Art, dafür aber sehr schnell. Es arbeitet sowohl über die Ausschüttung von Botenstoffen, die Eindringlinge direkt chemisch schädigen, als auch über spezielle Zellen, sogenannte Killer- und Fresszellen, die einen Keim zerstören bzw. aufnehmen und zerlegen können.5
Das erworbene Immunsystem wird vor der Geburt und in den ersten Lebensjahren ausgebildet – es bleibt aber auch später noch lernfähig. Es reagiert dabei hochspezifisch auf einzelne Erreger und besitzt die Fähigkeit ein Immungedächtnis auszubilden. So kann es sich an Erreger „erinnern“, denen es früher schon einmal begegnet ist. Das erworbene Immunsystem besteht dabei aus mehreren Komponenten5:
- Antikörper sind von unserem Immunsystem gebildete Stoffe, die eine Abwehrreaktion auslösen, und uns gegen Krankheiten immun machen6
- Spezielle Immunzellen erkennen und beseitigen infizierte Zellen im Gewebe5
So können durch das erworbenen Immunsystem hoch spezifische Abwehrmechanismen gegen eine ausgesprochen große Vielzahl Krankheitserreger bereitgestellt werden.5
Lesetipp:
Braucht das Abwehrsystem des Körpers Training? Unser Körper kann Erreger erfolgreich bekämpfen. Wie er das macht und warum es sinnvoll sein kann, unser Immunsystem zu trainieren, erfahren Sie hier.
Immunseneszenz – das Altern des Immunsystems
Was passiert im Alter im Hinblick auf das Immunsystem? Mit zunehmendem Alter verringert sich die Fähigkeit des angeborenen Immunsystems Krankheitserreger zu erkennen und zu beseitigen. Doch auch das erworbene Immunsystem unterliegt altersbedingten Veränderungen: Die Produktion und Funktion von T- und B-Zellen ist vermindert.3
Was daraus resultiert sowie die altersbedingten Defekte in B- und T-Zellen haben wir im Folgenden für Sie zusammengefasst:
T-Zellen erkennen bestimmte Antigene, die ihnen von anderen Zellen präsentiert werden. Diese Erkennung ist entscheidend für die Auslösung von Immunantworten.7
T-Zellen erkennen Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien, zudem überwachen und eliminieren sie Tumorzellen. Sie durchlaufen verschiedene Entwicklungsstufen und differenzieren sich in verschiedene Untergruppen, von denen jede spezifische Funktionen bei Immunreaktionen hat.7
Typisch für Immunseneszenz ist ein Rückgang bestimmter T-Zellen, was in einer verminderten Immunreaktion auf neue Antigene resultiert.3
B-Zellen erkennen Antigene und produzieren anschließend Antikörper. Diese führen zur Eliminierung oder zur Neutralisation von Krankheitserreger. Sie tragen jedoch nicht nur zur unmittelbaren Immunabwehr bei, sondern spielen durch die Bildung von B-Gedächtniszellen eine entscheidende Rolle in der langfristigen Immunität.7
Bei Menschen im höheren Lebensalter gibt es u. a. eine erhöhte Anzahl von B-Gedächtniszellen. Die Anzahl naiver B-Zellen ist jedoch reduziert. Infolgedessen ist die Fähigkeit des Immunsystems auf neue Antigene zu reagieren eingeschränkt.3
Warum Impfungen bei Senior:innen wichtig sind
Die im Alter abnehmende Fähigkeit des Immunsystems auf Impf-Antigene zu reagieren, beeinflusst die Stärke der Immunantwort auf eine Impfung. Auch die Dauer des Impfschutzes, ist hiervon betroffen. Bei erstmaliger Impfung kann die Immunantwort auf unbekannte Antigene stärker eingeschränkt sein als die Antwort auf eine Auffrischimpfung. Beispielsweise können die Wirksamkeit und Dauer des Impfschutzes von Totimpfstoffen bei älteren Menschen eingeschränkt sein.1
Wie kann man dem entgegenwirken? Bei der FSME-Impfung (Frühsommer-Meningoenzephalitis) zeigte sich einigen Studien zufolge z. B., dass eine zusätzliche Impfstoff-Dosis ab einem gewissen Alter eine deutlich verbesserte Wirksamkeit hervorrufen konnte.1
Merke:
Falls zusätzlich zum fortgeschrittenen Alter noch weitere Risikofaktoren bestehen, z. B. eine erkrankungsbedingte Immunsuppression, kann die serologische Kontrolle der Immunantwort in einzelnen Fällen sinnvoll sein, um den Schutzstatus zu bestimmen. Eine generelle Empfehlung zur Bestimmung der Antikörperkonzentration nach Impfungen gibt es jedoch nicht.1
Auch wenn in der älteren Bevölkerung die Wirksamkeit der verfügbaren Impfungen insgesamt geringer sein kann3: Impfungen gehören zu den wichtigsten medizinischen Präventionsmaßnahmen8. Von besonderer Bedeutung für ältere Menschen sind u. a. Infektionen mit Pneumokokken9, Influenza-10 oder dem Varizella zoster Virus11.
Das Risiko einer schwer verlaufenden Pneumokokken-Erkrankung wie Lungenentzündung, Blutvergiftung und Hirnhautentzündung hängt einerseits vom Alter und andererseits von gewissen Risikofaktoren ab.9 Senior:innen sollten folglich grundsätzlich gemäß STIKO-Empfehlungen geimpft sein.1
Empfohlene Standardimpfungen für alle 60+
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für alle gesunden Erwachsenen in der Altersgruppe 60+ die:8
- Standardimpfung gegen Pneumokokken
- jährliche Standardimpfung gegen Influenza und COVID-19 im Herbst
- Standardimpfung gegen Herpes zoster
Ab 75 Jahren empfiehlt die STIKO zudem die 1-malige Impfung gegen Respiratorische Synzytial-Viren (RSV).8
Quellen
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e.V. (DTG) zu Reiseimpfungen. Epid Bull 2025;14:1-212.
- World Health Organization (WHO). Ageing and health. Stand: 01.10.2025.Abrufbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/ageing-and-health [eingesehen am 23.01.2026].
- Goyani P et al. Immunosenescence: Aging and Immune System Decline. Vaccines (Basel). 2024;12(12):1314. DOI: 10.3390/vaccines12121314.
- Liu Z et al. Immunosenescence: molecular mechanisms and diseases. Signal Transduct Target Ther. 2023;8(1):200. DOI: 10.1038/s41392-023-01451-2.
- Bundesministerium für Bildung und Forschung. Infektionen und Immunsystem. Abrufbar unter: https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/infektionen-und-immunsystem-6443.php [eingesehen am 23.01.2025].
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Das Impfbuch für alle. Aktueller Stand: Juni 2021. Abrufbar unter: https://shop.bioeg.de/das-impfbuch-fuer-alle [eingesehen am 23.01.2025].
- Wang R et al. The interaction of innate immune and adaptive immune system. MedComm (2020). 2024;5(10):e714. DOI: 10.1002/mco2.714.
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. 2026;4:1-79.
- Robert Koch-Institut (RKI). Aktualisierung der Empfehlungen der STIKO zur Standardimpfung von Personen ≥ 60 Jahre sowie zur Indikationsimpfung von Risikogruppen gegen Pneumokokken und die dazugehörige wissenschaftliche Begründung. Epid Bull 2023;39:3-44.
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Infektionsschutz.de. Erregerstekcbrief Gripe (Influenza). Letzte Aktualisierung 15.10.2024. Abrufbar unter: https://www.infektionsschutz.de/infektionen/erregersteckbriefe/grippe-influenza/ [eingesehen am 23.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Windpocken (Varizellen), Gürtelrose (Herpes zoster). Stand: 19.09.2025. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Varizellen.html?nn=16904340 [eingesehen am 23.01.2026].
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