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Grippe-Zeit ist auch Pneumokokken-Zeit

Grippe-Zeit ist auch Pneumokokken-Zeit

Eine Umfrage zum Thema „Häufigste Erkrankungen im Winter“ würde einen eindeutigen Sieger liefern: die Grippe. Warum für viele schwere Verläufe nicht allein das Influenzavirus verantwortlich ist und welche Rolle dabei die Pneumokokken spielen, lesen Sie hier.

Grippe-Zeit ist auch Pneumokokken-Zeit

Kommt es zu einem schweren Grippeverlauf, stehen Komplikationen der Lunge, wie z. B. Lungenentzündungen (Pneumonien), im Vordergrund. Neben der Infektion durch das Grippevirus (Influenzavirus) selbst können u. a. auch bakterielle Superinfektionen etwa durch Pneumokokken dafür die Ursache sein.1 Doch warum ist das so?

Ein besonderes Problem bei der Grippe ist, dass die mit der Influenzainfektion einhergehende ausgeprägte Schädigung der Lungenschleimhäute günstige Bedingungen für zusätzliche Infektionen mit anderen Erregern schafft.2 Zu den häufigsten bakteriellen Erregern zählen u. a. auch Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae).3

Erkrankungen der unteren Atemwege zählen zu den häufigsten Todesursachen

Übertragbare Infektionen der unteren Atemwege, zu der z. B. Pneumonien zählen, waren 2019 laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit für 2,6 Millionen Todesfälle verantwortlich. Damit belegen diese Platz 4 der häufigsten Todesursachen weltweit.4 In Europa sind Pneumokokken-Infektionen nicht nur die Hauptursache für bakterielle Pneumonien, sondern auch für Meningitis (Hirnhautentzündung) und Mittelohrentzündung.5 Auch die Grippe ist für eine sehr hohe Krankheitslast verantwortlich.6

  • Außergewöhnlich schwer war die Grippewelle beispielsweise in der Saison 2017/18,6 in der es geschätzte 9 Millionen influenza-bedingte Arztbesuche gab.7
  • In der Saison 2018/19 betrug die Zahl der Grippe-assoziierten Arztbesuche schätzungsweise 3,8 Millionen und die der Krankenhausbehandlungen ca. 40.000.7
  • Für die Saison 2019/2020 wurde mit 4,2 Millionen ein ähnlich hoher Wert für die Grippe-bedingten Arztbesuche bis zur 13. Kalenderwoche 2020 geschätzt.8

Zusammenwirkende Effekte können zu schweren Verläufen führen

Ko-Infektionen von Influenzaviren und Pneumokokken können zu besonders schweren Verläufen führen.1 Insbesondere zusätzliche Infektionen mit Pneumokokken beeinflussen die Krankheitshäufigkeit und Sterberaten während Grippewellen. Es gibt Hinweise darauf, dass durch das Influenzavirus bestimmte Signalweiterleitungen und die Funktion bestimmter Abwehrzellen in der Lunge gestört sein könnten. Hierdurch wird vermutlich ein „Schlupfloch“ für Pneumokokken geschaffen und die Entstehung einer Lungenentzündung begünstigt.9 Interessanterweise wurde schon 1918 angenommen, dass es sich bei der Spanischen Grippe um eine bakterielle Erkrankung handelt.10 Tatsächlich wurden in vielen Proben von Todesopfern der Spanischen Grippe (1918 – 1919) bakterielle Erreger gefunden, darunter vorrangig Pneumokokken und Staphylokokken.2,10

Welche Mechanismen liegen den zusammenwirkenden Effekten zu Grunde?

Durch eine Infektion mit dem Influenzavirus kommt es zu einer ausgeprägten Schädigung der Lungenschleimhäute und die bakterielle Ko-Infektion wird gefördert.2 Die erhöhte Anfälligkeit für bakterielle Superinfektionen ist durch viele verschiedene Faktoren bedingt und stark abhängig vom Immunstatus der Patient:innen sowie von den krankheitsauslösenden Eigenschaften des Influenzavirus. Experimente mit Mäusen deuten darauf hin, dass folgende Faktoren bei der bakteriellen Anheftung ans Gewebe, Besiedlung und Eindringungs-Fähigkeit eine Schlüsselrolle einnehmen:11

  • Störung der Barrierefunktion der Atemwegsschleimhäute
  • Beeinträchtigung der Selbstreinigungsfähigkeit der Bronchien
  • und/oder die Entstehung neuer bakterieller Anheftungsstellen

Ein weiteres wesentliches Merkmal der bakteriellen Superinfektion nach einer Influenza-Infektion ist die Veränderung der angeborenen Immunantwort. Besonders hervorzuheben sind hier der Verlust und / oder die Fehlfunktion von bestimmten Immunzellen.11

Ältere und Personen mit Grunderkrankung sind besonders gefährdet

Besonders gefährdet für Pneumokokken- und Influenza-Erkrankungen sind Personen über 60 Jahren. Daher empfiehlt die STIKO diese beiden Impfungen als Standardimpfungen für alle 60+.12 Darüber hinaus werden sowohl die Pneumokokken- als auch die Grippeschutzimpfung unabhängig vom Alter als Indikationsimpfung für Personen mit bestimmten Vorerkrankungen empfohlen. Dabei sind die relevanten Vorerkrankungen für die Pneumokokken- und Influenza-Indikationsimpfungen beinahe identisch.13

Gut zu wissen
Indikationsimpfungen gegen Pneumokokken-Erkrankungen empfiehlt die STIKO u. a. bei Vorliegen der folgenden Konditionen:12

  • angeborene oder erworbene Immundefekte bzw. ein- unterdrücktes Immunsystem, z. B. HIV-Infektion, neoplastische (neubildende) Krankheiten, u. a.
  • sonstige chronische Krankheiten, z. B. Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und neurologische Krankheiten
  • anatomische und Fremdkörper-assoziierte Risiken für Pneumokokken-Meningitis, z. B. Liquorfistel oder Cochlea-Implantat (Impfung möglichst vor den entsprechenden Eingriffen)

Das Ziel der Pneumokokken-Impfung ist es dabei, die Anzahl invasiver Pneumokokken-Erkrankungen und Pneumokokken-Pneumonien zu reduzieren. Gleiches gilt für die Zahl der möglichen aus einer Pneumokokken-Infektion resultierenden Folgen wie Krankenhausbehandlung, Behinderung und Tod.14

Gelegenheit für Ko-Impfung nutzen!

Daten zu durchgeführten Impfungen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV-Impfsurveillance) belegen die Saisonalität und dieselben jährlichen Hauptmonate für die Inanspruchnahme der Influenza- und Pneumokokken-Impfung. Die Zunahme an Influenza-Impfungen wirkte sich dabei auch positiv auf die Inanspruchnahme der Pneumokokken-Impfung aus.13 Nutzen Sie daher die Gelegenheit, um z. B. im Rahmen der saisonalen Influenzaimpfung auch die Pneumokokken-Impfung und die Risiken einer Ko-Infektion anzusprechen.

Quellen

  1. Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber. Influenza (Teil 1): Erkrankungen durch saisonale Influenzaviren; Stand 19.01.2018.https://www.rki.de/DE/Ratgeber_Influenza_saisonal.html [eingesehen am 25.11.2021].
  2. Welte, T. Influenza – jeder kennt die „Grippe“ und doch wird sie immer noch unterschätzt. Pneumologe 2019;16:215-231. DOI: 10.1007/s10405-019-0257-3.
  3. Paget C, Trottein F. Mechanisms of Bacterial Superinfection Post-influenza: A Role for Unconventional T Cells. Frontiers in Immunology 2019; 10:336. DOI: 10.3389/fimmu.2019.00336.
  4. World Health Organization. The top 10 causes of death. Stand 09.12.2020. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/the-top-10-causes-of-death [eingesehen am 25.11.2021].
  5. Robert Koch-Institut (RKI). Pneumoweb-Sentinel. Stand 16.05.2018. https://www.rki.de/Sentinel/Pneumoweb/Monatsstatistik.html [eingesehen am 25.11.2021].
  6. Robert Koch-Institut (RKI). Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2018. Berlin 2019. DOI: 10.25646/5978. https://www.rki.de/Jahrbuecher/2018.html [eingesehen am 25.11.2021]
  7. Robert Koch-Institut (RKI). Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland, Saison 2018/2019. Berlin 2019. DOI: 10.25646/6232. https://edoc.rki.de/handle/176904/6253 [eingesehen am 25.11.2021]
  8. Robert Koch-Institut (RKI). Kürzere Dauer der Grippewelle 2019/20 sowie abrupter Rückgang der Raten an Atemwegserkrankungen. Epid Bull 2020;16:7-9.
  9. Verma AK et al. Influenza Infection Induces Alveolar Macrophage Dysfunction and Thereby Enables Noninvasive Streptococcus pneumoniae to Cause Deadly Pneumonia [published online ahead of print, 2020 Aug 12]. J Immunol. 2020;ji2000094. DOI: 10.4049/jimmunol.2000094.
  10. Dunning J, Thwaites RS, Openshaw PJM. Seasonal and pandemic influenza: 100 years of progress, still much to learn. Mucosal Immunol. 2020;13(4):566-573. DOI: 10.1038/s41385-020-0287-5.
  11. Barthelemy A et al. Influenza A virus-induced release of interleukin-10 inhibits the anti-microbial activities of invariant natural killer T cells during invasive pneumococcal superinfection. Mucosal Immunol. 2017;10(2):460-469. DOI: 10.1038/mi.2016.49.
  12. Robert Koch-Institut (RKI). Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2021. Epid Bull 2021; 34:3-63.
  13. Robert Koch-Institut (RKI). Impfquoten bei Erwachsenen in Deutschland, STIKO: Bestätigung der Pneumokokken-Impfempfehlung. Epid Bull 2020;47:3-26.
  14. Robert Koch-Institut (RKI). Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI. Stand: 2016. Epid Bull 2016;37:385-406.
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