Umgang mit Impfkritischen Patienten – Teil 1
Ein Gespräch mit impfkritischen Patient:innen kann schnell zur Herausforderung werden.1 Mit welchen Argumenten kann man versuchen, die Bedenken dieser Patient:innen abzubauen? Wir haben für Sie zusammengefasst, wie Sie 10 häufigen Einwänden gegen das Impfen begegnen können.
Ein Impfstoff wird erst dann zugelassen, wenn der Hersteller in Studien die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Impfstoffs nachgewiesen hat.2 Die Überwachung der Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit von Impfstoffen erfolgt in Deutschland durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI).3
Die Wirksamkeit einer Impfung zeigt sich auch an dem Rückgang der Erkrankungsfälle.2 Beispiele hierfür sind die Impfungen gegen Kinderlähmung und Masern: Beide Krankheitserreger wurden durch Impfungen erfolgreich zurückgedrängt, wodurch die Zahl der Erkrankungsfälle sowie der Todesfälle abnahmen.4,5 In Deutschland sind seit 1990 keine Erkrankungsfälle durch Wildpolioviren beobachtet worden.5
Es stimmt, dass eine Erkrankung auch dann auftreten kann, wenn man dagegen geimpft wurde. Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, ist jedoch deutlich niedriger, wenn man gegen den Krankheitserreger geimpft ist. Auch wenn Impfstoffe keinen 100-prozentigen Schutz bieten können, bedeutet das nicht, dass Impfungen grundsätzlich unwirksam sind. Schon allein ein Impfschutz von beispielsweise 90 % gegen eine Erkrankung senkt das Infektionsrisiko erheblich und schützt somit mehrheitlich die geimpften Personen.6
Bei einigen Impfungen ist das Risiko, trotz Impfung zu erkranken, etwas höher: Die Grippeschutzimpfung kann – abhängig vom Alter – bei etwa 40 – 60 % der Geimpften die Erkrankung verhindern.7
Sowohl die Erkrankung als auch die Impfung trainieren das kindliche Immunsystem. In beiden Fällen muss es aktiv werden, damit ein Schutz aufgebaut werden kann. Infektionen können Kinder jedoch in ihrer Entwicklung zurückwerfen. Sie können gesundheitliche Komplikationen bis hin zu Todesfällen verursachen. Impfungen können wiederum dem vorbeugen, indem sie dem Immunsystem ermöglichen, an einem ungefährlichen Gegner zu trainieren.2
Kinder bekommen schon im Mutterleib über die Nabelschnur und später über die Muttermilch Antikörper von der Mutter übertragen.8 Diese schützen die Säuglinge in den ersten Lebenswochen oder -monaten gegen zahlreiche Krankheitserreger. Welche das genau sind, hängt von der Mutter ab: Sie kann nur Antikörper weitergeben, die ihr eigenes Immunsystem nach Impfungen oder durchgemachten Krankheiten gebildet hat.9
Allerdings ist dieser „Nestschutz“ nur von kurzer Dauer, bevor für Säuglinge die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten ansteigt.8 Auch die Ausprägung des Netzschutzes ist von Kind zu Kind und Erreger zu Erreger sehr unterschiedlich und kann bei den verschiedenen Erregern unterschiedlich lange anhalten: Bei Masern beispielsweise sind manche Babys bereits nach 3 Monaten nicht mehr ausreichend vor einer Infektion geschützt, während andere nach 9 Monaten noch genug mütterliche Antikörper im Blut haben. Daher ist es wichtig, Babys in jedem Fall frühestmöglich durch die empfohlenen Impfungen zu schützen.10
Ein weiterer Grund für eine frühzeitige Impfung ist die generell abnehmende Zahl an Infektionskrankheiten, was dazu führt, dass viele Mütter nicht mehr gegen viele Infektionskrankheiten geschützt und somit keinen Immunschutz während der Schwangerschaft oder beim Stillen an ihr Kind weitergeben können. Es kann also für Frauen mit Kinderwunsch sinnvoll sein, Impfungen aufzufrischen oder nachzuholen, um den Nestschutz für das Baby zu stärken.10
Säuglinge bekommen die erste Impfung schon im Alter von 6 Wochen, weitere folgen dann im Alter von 2 Monaten.11 Das liegt daran, dass bestimmte Infektionskrankheiten bei Säuglingen schwerer verlaufen als bei älteren Kindern.12
Zu diesen Krankheiten gehört u. a. Keuchhusten. Die häufigste Komplikation ist eine Pneumonie (Lungenentzündung), daran erkranken bis zu 10 % der Säuglinge und älteren Menschen. Ältere Kinder und jüngere Erwachsene sind seltener davon betroffen. Zudem haben Säuglinge das höchste Risiko für schwerwiegende Komplikationen: Insbesondere ungeimpfte Säuglinge unter 6 Monaten machen einen hohen Anteil aller Krankenhausbehandlungen aus und betreffen fast alle Todesfälle. Ziel ist daher, insbesondere die stark gefährdeten Säuglinge und Kleinkinder möglichst frühzeitig und vollständig zu impfen.13
Einige Menschen haben Angst davor, dass Impfungen Autismus14 oder plötzlichen Kindstod15 verursachen könnten. Bis heute gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Belege für einen solchen Zusammenhang. Ganz im Gegenteil: es gibt viele Studien, die einem solchen Zusammenhang widersprechen.14,15
Dennoch steht außer Frage, dass Impfstoffe auch Nebenwirkungen haben können.16 Bei Verdacht auf eine Impfkomplikation (eine über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehende gesundheitliche Schädigung) sind Ärzt:innen dazu verpflichtet, diesen an das Gesundheitsamt zu melden. Dieses wiederum leitet die Mitteilung an die zuständige Landesbehörde weiter, welche die Angaben an das PEI übermittelt.11 Dort wird bewertet, ob die Beschwerden im Zusammenhang mit der Impfung stehen könnten. Auf diesem Weg wird gewährleistet, dass Impfstoffe auch nach der Zulassung kontinuierlich hinsichtlich ihrer Sicherheit kontrolliert werden.1
Antibiotika können nur bei Erkrankungen eingesetzt werden, die durch Bakterien verursacht werden – gegen Viren wirken Antibiotika nicht. Problematisch ist, dass immer mehr Antibiotika nicht mehr wirksam gegen einige Bakterien sind (Stichwort Antibiotikaresistenzen).18
Nachschub an neuen Antibiotika gibt es jedoch kaum, da in den vergangenen Jahren nur wenige neue Antibiotika entdeckt und auf den Markt gebracht wurden. Zur Verschärfung der Situation kommt es zusätzlich aufgrund der Zunahme von Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig resistent (multiresistent) sind. Diese Bakterien können die Wirksamkeit von Antibiotika, die z. B. im Rahmen von Organtransplantationen, Chemotherapien gegen Krebs oder auch in der Intensivmedizin eingesetzt werden, beeinträchtigen.19
Manche Menschen sind besorgt über bestimmte Inhaltsstoffe von Impfstoffen, wie z. B. Formaldehyd2, Aluminium20, Phenol21 oder Quecksilber20. Diese Substanzen dienen beispielsweise dazu, Impfviren abzutöten (Formaldehyd), die Antwort des Immunsystems zu verstärken (Aluminiumhydroxid) oder Impfstoffe haltbar zu machen (Phenol). Dabei ist die Konzentration der Substanzen in den Impfstoffen nur äußerst gering und weit unter den toxikologischen Grenzwerten.21
Quecksilberhaltiges Thiomersalz, wurde früher als Konservierungsmittel genutzt. Dieses wird jedoch schon seit dem Jahr 2002 nicht mehr in Impfstoffen verwendet.20
In Lebendimpfstoffen sind in geringen Mengen vermehrungsfähige Infektionserreger enthalten. Diese sind sehr stark abgeschwächt. Nach Impfungen mit Lebendimpfstoffen ist es jedoch möglich, dass in sehr seltenen Fällen leichte „Impfkrankheiten“ auftreten können.16
Nach einer Masernimpfung können z. B. bei etwa 5 – 15 % der Geimpften nach ungefähr einer Woche ein- bis zweitägiges Fieber und in der 2. Woche bei etwa 5 % ein Hautausschlag auftreten. Jedoch handelt es sich hierbei um milde, nicht-ansteckende Symptome, die nach 1 – 3 Tagen von allein wieder abklingen.4
Auch kann es sein, dass die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung mit der Erkrankung selbst verwechselt werden. So kann es beispielsweise nach der Grippeimpfung gelegentlich zu Fieber oder Gelenkschmerzen kommen, was den Eindruck erwecken kann, die Impfung habe Grippe ausgelöst. Tatsächlich sind die Symptome jedoch ein Anzeichen für die Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff.22
In der Tat treten einige Infektionskrankheiten schon seit Jahren gar nicht mehr in Deutschland auf (z. B. Kinderlähmung [Polio])5 oder traten in vergangenen Jahren nur noch in seltenen Fällen auf, wie z. B. Diphtherie (80 Fälle von 2001 – 2016)23. Man darf aber nicht vergessen, dass dies nur durch Impfungen erreicht werden konnte.2
Vorkommnisse wie z. B. der sprunghafte Anstieg der Diphtherie-Fallzahlen in Deutschland im Jahr 2022 aufgrund importierter Fälle24 sowie der Nachweis von Polio-Viren in Abwasserproben25 verdeutlichen zudem, dass diese Impfungen weiterhin relevant und wichtig sind.
Lesenswert
Die Antworten auf 10 weitere häufige Impf-Einwände, die im Gespräch mit impfkritischen Patient:innen aufkommen können, finden Sie hier im Praxistipp Teil 2! Unter anderem werden dort Fragen geklärt wie: Wie reagiert man auf den Einwand, dass der Rückgang von Erkrankungen ausschließlich Folge der verbesserten Hygiene und Ernährung sei, nicht von Impfungen?
Was passiert, wenn Eltern mit geteiltem Sorgerecht sich nicht über Impfungen einigen können? Wie die Rechtslage in so einem Fall aussieht, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Quellen:
- Böhm et al. Digitale Innovationen in der Impfkommunikation. Bundesgesundheitsbl. 2025; 68:408-415.
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Impfschutz für die ganze Familie. 20 Fragen – 20 Antworten. Stand: März 2020. https://www.infektionsschutz.de/impfen/wissenswertes-zum-impfen/20-fragen-und-antworten-zum-impfen/ [eingesehen am 14.01.2026].
- Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Impfstoffe für Menschen. Stand: 25.01.2024. https://www.pei.de/DE/arzneimittel/impfstoffe/impfstoffe-node.html [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Masern. Stand: 14.11.2024. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Masern.html [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Poliomyelitis. Stand: 23.10.2025. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Poliomyelitis.html?nn=16777040 [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Faktensandwich zum Thema Wirksamkeit. Stand: 24.04.2023. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/Wirksamkeit_Impfschutz.html?nn=16779384 [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Influenza (Teil 1): Erkrankungen durch saisonale Influenzaviren. Stand: 14.01.2026. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Influenza_saisonal.html?nn=16777040 [eingesehen am 14.01.2026].
- United Nations Children’s Fund (UNICEF). Elterntipps: Impfungen für Babys und Kleinkinder. Stand: 31.03.2025. https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/elterntipps-fragen-antworten-zu-impfungen-bei-babys-kleinkinder/274614 [eingesehen am 14.01.2026].
- Röbl-Mathieu M, Terhardt M. Impfen in der Schwangerschaft. Monatsschr Kinderheilkd. 2021;169(11):1043-1050. doi:10.1007/s00112-021-01321-7.
- AOK-Gesundheitsmagazin. Wie funktioniert der Nestschutz für Babys? Stand: 23.02.2023. https://www.aok.de/pk/magazin/familie/baby-kleinkind/der-nestschutz-bei-babys/ [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epid Bull 2026;4:1-79.
- Robert Koch-Institut (RKI). Faktensandwich zum Thema Kinderimpfungen. Stand: 24.04.2023. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/Kinderimpfungen.html?nn=16779384 [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Keuchhusten (Pertussis). Stand: 05.08.2025. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Pertussis.html?nn=16777040 [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Faktensandwich zum Thema Autismus. Stand: 15.09.2025. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/Sicherheit_Autismus.html?nn=16779384 [eingesehen am 15.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Faktensandwich zum Thema Sicherheit – Fakt: Die Risiken und Nebenwirkungen von Impfungen werden weltweit sehr genau überwacht. Stand: 24.03.2023. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/Sicherheit_Nebenwirkungen.html [eingesehen am 15.01.2026].
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Ratgeber Impfen – Alles, was Sie zum Thema Impfen Wissen sollten. März 2025, 2. Aktualisierte Auflage.
- Robert Koch-Institut (RKI). Faktensandwich zum Thema Nebenwirkungen. Stand: 24.03.2023. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/Sicherheit_Nebenwirkungen.html [eingesehen am 15.01.2026].
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit(BIÖG). Alle reden von Antibiotika-Resistenzen … Aber was ist das eigentlich? https://www.bioeg.de/was-wir-tun/schutzimpfungen-und-persoenlicher-infektionsschutz/antibiotika/ [eingesehen am 14.01.2026].
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Faktenblatt für die breite Öffentlichkeit: Gründe für die Antibiotikaresistenz. Stand: 02.09.2021. https://antibiotic.ecdc.europa.eu/en/get-informed/factsheets/factsheet-general-public [eingesehen am 14.01.2026].
- BARMER. Inhaltsstoffe Impfungen: Wieviel Aluminium darf enthalten sein? Stand: 24.09.2024. https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/medizin/impfen/sichere-inhaltsstoffe-in-impfungen-1057132 [eingesehen am 15.01.2026].
- Kreis Schleswig-Flensburg. Enthalten Impfstoffe giftige Zusatzstoffe? https://www.schleswig-flensburg.de/index.php?ModID=7&FID=3333.15535.1&object=tx%7C3333.15535.1 [eingesehen am 14.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Faktensandwich zum Thema Sicherheit. Stand: 24.02.2023. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/Sicherheit_Erkrankung.html?nn=16779384 [eingesehen am 15.01.2025].
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Diphtherie. Stand: 29.02.2024. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Diphtherie.html?nn=16905386 [eingesehen am 15.01.2026].
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- Robert Koch-Institut (RKI). Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Poliomyelitis mit Schwerpunkt Abwasseruntersuchung. Stand: 13.11.2025. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Polio/Polio-gesamt.html# [eingesehen am 15.01.2026].
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