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15 Jahre HPV-Impfung: Wo stehen wir?

15 Jahre HPV-Impfung: Wo stehen wir?

Die HPV-Impfung gibt es seit über 15 Jahren. Was ist seitdem passiert? Was hat die HPV-Impfung in Deutschland und in anderen Ländern bewirkt? Welchen Herausforderungen müssen wir uns heute stellen?

Die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) hat ihre Forschungsursprünge in Deutschland: Seit den 1970er-Jahren forschte Prof. Harald zur Hausen an HPV und assoziierte diese Viren mit der Krebsentstehung. Bis 1980 isolierte und bestimmte der deutsche Virologe die HPV-Typen 16 und 18 aus Zervixkarzinomen.1 In den 1990er-Jahren konnte dies schließlich in Studien bestätigt werden.2,3 Harald zur Hausen erhielt für seine Forschungsergebnisse 2008 den Nobelpreis für Medizin.4

Da HP-Viren weit verbreitet sind, infizieren sich die meisten sexuell aktiven Frauen und Männer im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit HPV. Mehr als 200 verschiedene HPV-Typen konnten bisher identifiziert werden, die aufgrund ihres krebsfördernden Potenzials in Hochrisiko- und Niedrigrisiko-Typen unterteilt werden. Derzeit werden 12 Hochrisiko-HPV-Typen als kanzerogen eingestuft, von denen vor allem Infektionen mit den HPV-Typen 16 und 18 zu malignen Tumoren führen können. Neben der Zervix können HPV-bedingte Karzinome u.a. im Bereich der Vagina und Vulva sowie im Bereich des Anus auftreten. Die häufigste HPV-bedingte Erkrankung im äußeren Genitalbereich stellen Genitalwarzen dar, die vor allem durch die Niedrigrisiko-HPV-Typen 6 und 11 ausgelöst werden können.5

15 Jahre HPV-Impfung: Die STIKO-Empfehlung im Überblick

Die Forschungsarbeiten von Harald zur Hausen zu HPV-Infektionen führten noch in den 1990er-Jahren zu den ersten klinischen Impfstoffstudien.6
Im September 2006 – vor mehr als 15 Jahren – kam der erste HPV-Impfstoff in Europa auf den Markt (Abbildung 1).7

15 Jahre: Die HPV-Impfstoffentwicklung im Überblick

Abb.1: Oberhalb des Zeitstrahls: HPV-Impfquoten (vollständige Impfserie) von 15-jährigen Mädchen in Deutschland von 2011–2020.
Zeitstrahl: Entwicklung der STIKO-Empfehlung zur HPV-Impfung in Deutschland sowie die Ziele von EU und WHO in Bezug auf HPV-Impfquoten.
Abbildung erstellt von MSD 7–13

Die STIKO empfiehlt die HPV-Schutzimpfung seit 2007 für Mädchen – zuerst im Alter von 12–17 Jahren.8 2014 wurde die Impfempfehlung angepasst und das Alter auf 9–14 Jahre herabgesetzt mit Nachholimpfung bis 17 Jahre.9 Seit 2018 schließt diese Empfehlung auch Jungen im Alter von 9–14 Jahren ein.10 Sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen sollen spätestens bis zum Alter von 17 Jahren versäumte Impfungen gegen HPV nachgeholt werden.14

Deutschland liegt bei der HPV-Impfung im Ländervergleich zurück

Deutschland weist im Vergleich zu anderen Ländern in Europa deutlich niedrigere HPV-Impfquoten auf. So lag Deutschland laut RKI und WHO 2019 bei den HPV-Impfquoten für eine vollständige Impfserie von 15-jährigen Mädchen in 25 europäischen Ländern nur auf dem 17. Platz.15 Dabei zeigte sich schon in verschiedenen Studien, dass die Einführung der HPV-Impfung zu einer Reduktion von Zervixkarzinomen führen konnte:
In einer Studie wurde mittels schwedischer Registerdaten der Zusammenhang zwischen HPV-Impfung und dem Folgerisiko für invasive Zervixkarzinome über einen Zeitraum von 11 Jahren untersucht. Die Mädchen und Frauen waren zwischen 10 und 30 Jahren alt und wurden auf Zervixkarzinome bis zu ihrem 31. Geburtstag evaluiert. Von 1.672.983 in der Studie eingeschlossenen Mädchen und Frauen erhielten 527.871 mindestens eine viervalente HPV-Impfdosis, davon 438.939 vor ihren 17. Lebensjahr. Die Auswertung zeigte: Das Risiko für ein Zervixkarzinom war bei Frauen, die bei der HPV-Impfung jünger als 17 Jahre alt waren, um 88 % niedriger als bei Frauen, die keine Impfung erhalten hatten. Bei Frauen, die im Alter von 17 bis 30 Jahren geimpft wurden, betrug die Risikoreduktion für ein Zervixkarzinom nur 53 %.16
In einer dänischen Studie wurde auf Basis von Real-World-Daten die Wirksamkeit der HPV-Impfung zur Reduktion von Zervixkarzinomen betrachtet. Zwischen 2006 und 2019 wurden 867.689 in Dänemark lebende Frauen im Alter von 17 bis 30 Jahren (eingeteilt in die drei Altersgruppen: ≤ 16 Jahre, 17–19 Jahre und 20–30 Jahre) untersucht. Zu Baseline hatten 314.852 (36,3 %) Frauen ihre erste HPV-Impfdosis vor dem 18. Lebensjahr erhalten. Während des Follow-Ups erhielten 20.063 (2,3 %) Frauen im Alter von 17–19 bzw. 167.607 (19,3 %) Frauen im Alter von 20–30 Jahren eine HPV-Impfung. Von den 505.522 geimpften Frauen erhielten 78,5 % drei HPV-Dosen, 15,7 % zwei HPV-Dosen und 5,8 % eine HPV-Dosis. Die Auswertung ergab, dass HPV-geimpfte Frauen ein um 86 % bzw. 68 % geringeres Risiko für ein Zervixkarzinom als ungeimpfte Frauen hatten, wenn sie im Alter von ≤ 16 Jahren bzw. zwischen 17–19 Jahren geimpft wurden. Für Frauen, die im Alter von 20 Jahren oder älter geimpft wurden, war das Risiko für ein Zervixkarzinom um 19 % höher als bei ungeimpften Frauen.17
Zu den europäischen Ländern mit den höchsten HPV-Impfquoten bei 15-jährigen Mädchen zählten 2019 Portugal (95 %), Island (88 %) und Norwegen (87 %) (Abbildung 2).15

Deutschland liegt bei der HPV-Impfung im Ländervergleich zurück

Abb.2: Impfquoten der 15-jährigen Mädchen mit vollständiger HPV-Impfserie im europäischen Vergleich für das Jahr 2019. Abbildung modifiziert von MSD 15

In Portugal wird eine allgemein große Akzeptanz für Impfungen in der Bevölkerung als Erklärung für die hohen Impfquoten gehandelt.1 Island und Norwegen haben die hohen Impfquoten durch schulbasierte Impfprogramme erzielt – auch Länder wie Schweden, Spanien oder das Vereinigte Königreich konnten durch Schulimpfprogramme Impfquoten von über 80 % erreichen.1
In Überlegungen zur Erhöhung der HPV-Impfquoten in Deutschland spielt die Schule ebenfalls eine zentrale Rolle: Ein entscheidender Ansatz ist laut einer qualitativen Studie die Aufklärung zur HPV-Impfung, welche an Schulen nicht nur die Mädchen und Jungen im empfohlenen Impfalter, sondern auch deren Eltern erreichen kann.18 Aus Überlegungen zur schulischen Aufklärung rund um das Thema HPV geht hervor, dass Maßnahmen wie zum Beispiel die Einbindung der HPV-Impfaufklärung in den Lehrplan ein vielversprechendes Potenzial zur Stärkung der HPV-Impfquoten in Deutschland bieten.18

Impfziel: HPV-Impfquoten bei Mädchen und Jungen erhöhen

Sowohl die WHO als auch die EU haben sich einem Ziel verschrieben: Weltweite HPV-Impfquoten von mindestens 90 % bei 15-jährigen Mädchen bis 2030 erreichen, um das Zervixkarzinom zu eliminieren.11, 12 Auch bei Jungen sollen die HPV-Impfquoten deutlich gesteigert werden.12

Möchten Sie Weiteres zu diesen internationalen Zielen wissen? Erfahren Sie hier mehr zu den weltweiten Strategien zur Elimination des Zervixkarzinoms.

Vor dem Hintergrund dieser globalen Strategie wurden in einem Bericht – basierend auf WHO/UNICEF-Schätzungen – der aktuelle Stand (bis Mitte 2020) von HPV-Impfeinführungen weltweit sowie die HPV-Impfquoten bei Mädchen und Jungen bis 15 Jahren von 2010 bis 2019 analysiert. So haben 107 (55 %) der 194 WHO-Mitgliedstaaten die HPV-Impfung landesweit oder zumindest teilweise eingeführt – Nord- und Südamerika sowie Europa sind hierbei mit 85 % bzw. 77 % die Regionen mit den höchsten Einführungsraten. Weltweit waren der Schätzung zufolge 2019 nur 15 % der Mädchen und 4 % der Jungen vollständig gegen HPV geimpft. Im selben Jahr waren unter den Regionen mit den höchsten vollständigen Impfquoten bei Mädchen Australien und Neuseeland (77 %), Lateinamerika (61 %) und Europa und Nordamerika (35 %).19

Modellrechnungen aus Australien gehen davon aus, dass die jährliche Inzidenz des Zervixkarzinoms dort bis 2066 (Spanne: 2054–2077) auf weniger als 1/100.000 Frauen zurückgehen könnte – vorausgesetzt die HPV-Impfquoten in Australien verbleiben hoch. Die Mortalität des Zervixkarzinoms könnte der Schätzung zufolge in Australien auf weniger als einen Todesfall pro 100.000 Frauen bis 2034 (Spanne: 2025–2047) sinken.20

Auch Deutschland hat sich den WHO und EU-Zielen verpflichtet.11 Die HPV-Impfquoten sind bei Mädchen in Deutschland im Laufe der Jahre gestiegen (Abbildung 1): Im Jahr 2011 waren nur 27,2 % der 15-jährigen Mädchen vollständig geimpft, dieser Anteil nahm ab 2014 aber kontinuierlich zu und lag im Jahr 2020 bei 51,0 %.13

Bei Mädchen im Alter von 18 Jahren waren die HPV-Impfquoten für eine vollständige Impfserie im selben Jahr mit 54,1 % nur geringfügig höher. Bei den 18-jährigen Jungen waren 2020 hingegen 8,1 % vollständig gegen HPV geimpft.13

Wie aus einer aktuellen Studie hervorgeht, sind die HPV-Impfquoten bei Jungen in Deutschland in den 5 Jahren nach der Impfempfehlung allerdings gestiegen und dies trotz der Umstände der COVID-19-Pandemie: So hatten bis Ende 2021 geschätzt 44,4 % der 15-jährigen Jungen und 29,7 % der 18-jährigen Jungen eine erste Impfdosis erhalten.21 Dabei sank die Zahl der pro Monat verabreichten HPV-Erst-Impfdosen bei deutschen Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie 2020/2021 erheblich im Vergleich zu den gleichen Monaten im Jahr 2019, indessen fanden die wenigsten Impfungen während des ersten Lockdowns 2020 statt.21 Bei den Erstimpfungen waren es 2021, im Vergleich zu 2019, bei Jungen im Maximum bis zu 71 % (August 2021) und bei Mädchen bis zu 60 % (Juli 2021) weniger.21

Es gibt regionale Unterschiede bei Impfquoten nach Altersgruppe und Geschlecht. Aktuelle Impfquoten in Deutschland auf einen Blick erhalten Sie hier.

Um dem WHO-Impfziel von mindestens 90 % gerecht zu werden, müssen in Deutschland die HPV-Impfquoten bei Mädchen noch deutlich erhöht werden. Auch eine Erhöhung der HPV-Impfquoten bei Jungen ist erstrebenswert. Die persönliche Empfehlung zur Impfung sowie das Engagement von Ärztinnen, Ärzten und medizinischem Fachpersonal können hierbei eine wesentliche Rolle spielen.22

Lesen Sie mehr zum Einfluss der Impfempfehlung in diesem Artikel!

Quellen

  1. Osmani V KSJ. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz.: 2021; 64: 590–599.
  2. Muñoz N. Human papillomavirus and cancer: the epidemiological evidence. J Clin Virol 2000; 19(1-2):1–5.
  3. Bosch FX et al. The causal relation between human papillomavirus and cervical cancer. J Clin Pathol 2002; 55(4):244–65.
  4. Karolinska-Institut: Nobelpreis für den Virologen Harald zur Hausen [105(41): A-2133 / B-1831 / C-1787]; 2008. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/61782/Karolinska-Institut-Nobelpreis-fuer-den-Virologen-Harald-zur-Hausen [eingesehen am 23.06.23].
  5. RKI. RKI-Ratgeber Humane Papillomviren. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_HPV.html [eingesehen am 23.06.23].
  6. Koutsky LA et al. A controlled trial of a human papillomavirus type 16 vaccine. N Engl J Med 2002; 347(21):1645–51.
  7. Paul-Ehrlich-Institut. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 03/2018.
  8. Robert Koch-Institut (RKI). Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Mädchen von 12 bis 17 Jahren – Empfehlung und Begründung. Epid Bull 2007; 12:97–106.
  9. Robert Koch-Institut (RKI). Neuerungen in den aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI vom August 2014. Epid Bull 2014; 35:1–3.
  10. Robert Koch-Institut (RKI). Neuerungen in den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim RKI für 2018/2019. Epid Bull 2018; 35:2.
  11. World Health Organisation. Cervical Cancer Eliminiation Initiative 2020. URL: https://www.who.int/initiatives/cervical-cancer-elimination-initiative [eingesehen am 23.06.23].
  12. Europäische Kommission. Europas Plan gegen den Krebs: Neue Maßnahmen für einen besseren Zugang zu Prävention, Früherkennung, Behandlung und Versorgung bei Krebs 2022. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_22_702 [eingesehen am 23.06.23].
  13. Rieck T et al. Impfquoten von Kinderschutzimpfungen in Deutschland – aktuelle Ergebnisse aus der RKI-Impfsurveillance: Epid Bull 2022;48:3-25.
  14. Robert Koch-Institut (RKI). Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2023. Epid Bull 2023; 4:3–68.
  15. Takla A et al. Schulimpfprogramme als Lösung zur Steigerung der HPV-Impfquoten in Deutschland? – Entwicklung der Impfquoten in einer hessischen Modellregion mit Schulimpfprogramm, Epid Bull 2022;20:3-11.
  16. Lei J et al. HPV Vaccination and the Risk of Invasive Cervical Cancer. N Engl J Med 2020; 383(14):1340–8.
  17. Kjaer SK et al. Real-World Effectiveness of Human Papillomavirus Vaccination Against Cervical Cancer. J Natl Cancer Inst 2021; 113(10):1329–35.
  18. Högemann A et al. Ärztliche Gesundheitsbildung in Schulen – ein wichtiger Beitrag zur Steigerung der HPV-Impfmotivation, Epid Bull 2022;36:11-22.
  19. Bruni L et al. Corrigendum to „HPV vaccination introduction worldwide and WHO and UNICEF estimates of national HPV immunization coverage 2010-2019“ Prev Med 2021; 144: 106399.
  20. Hall MT et al. The projected timeframe until cervical cancer elimination in Australia: a modelling study. Lancet Public Health 2019; 4(1):e19-e27.
  21. Wähner C et al. Uptake of HPV vaccination among boys after the introduction of gender-neutral HPV vaccination in Germany before and during the COVID-19 pandemic. Infection 2023:1–12.
  22. Attia AC et al. On surmounting the barriers to HPV vaccination: we can do better. Ann Med 2018; 50(3):209–25.

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